996 Woche – Während in China bis zum Umfallen geackert wird, fordern die Deutschen die 25-Stunden Arbeitswoche.

28 August 2019 - Das Lesen dieses Beitrages dauert 7 Minuten

Arbeitsmarkt

Alibaba-Gründer Jack Ma bezeichnete das Arbeitszeitmodel 996 als einen großen Segen. Die Abkürzung 996 steht in der chinesischen Informationstechnikbranche für das Arbeiten von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends, an sechs Tagen pro Woche. In Deutschland würden Arbeitnehmer die 996-Woche als 72-Stunden-Woche bezeichnen.

Ein Segen sei laut Ma sie vor allem deshalb, weil in China jede Mehrarbeitsstunde als Wettbewerbsvorteil gewertet wird. Die Negativfolgen von Überarbeitung lasse Ma nicht gelten, so schrieb er auf dem chinesischen Äquivalent zu Facebook, Weibo, dass Mitarbeiter gerade in jungen Jahren dazu in der Lage seien, diese erbarmungslose Abfrage von Arbeitskraft problemlos zu verkraften.
In Deutschland ist diese hohe Anzahl von Überstunden durch das Arbeitszeitgesetz strengstens geregelt. Maximal 48 Stunden Arbeitszeit pro Woche sind erlaubt und der Arbeitgeber ist proaktiv dazu aufgefordert, seine Arbeitnehmer vor Überlastung zu schützen. Nicht nur das deutsche Arbeitszeitgesetz sieht einen starken Schutz vor, auch der europäische Gerichtshof urteilte erst dieses Jahr im Sinne des Arbeitnehmerschutzes. Mitte Mai entschied der EuGH, dass jeder Arbeitgeber eine stichfeste Zeiterfassung vorweisen muss. Dies soll die Ausbeutung von Mitarbeitern verhindern und Beschäftigten vor Gericht eine bessere Beweisgrundlage liefern.

Anderes als in der chinesischen IT-Sektor, gibt es in Deutschland einen Trend in die entgegensetze Richtung. Teilzeit oder eine 25-Stunden-Woche werden immer populärerer, auch bei den jüngeren Generationen. Vor allem Millennials möchten lieber mehr Lebenszeit und eine anständige Lebensqualität als viel Geld und eine steile Karriere.

Wunschdenken: die Deutschen wünschen sich eine kürzere Arbeitswoche

Die 35-Stunden-Woche bei vollem Gehalt, wäre für viele Deutsche schon ein zufriedenstellender Kompromiss. Noch scheint dieser Wunsch für die Mehrheit der Arbeitnehmer nicht realisierbar. Der Hauptgrund dafür ist, überraschenderweise, nicht der Arbeitgeber. In der Befragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin ist die größte Hürde auf dem Weg zur Arbeitszeitverkürzung der soziale Rentenanspruch, mit insgesamt 39 Prozent. Darauffolgend, auf Platz 2, gaben 29 Prozent der berufstätigten Teilnehmer an, ihre Aufgabenportfolio in einem kurzen Zeitraum nicht rechtzeitig und gewissenhaft bewältigen zu können. Erst auf Platz 4 und gerade einmal mit 12 Prozent, stehen Vorgesetzte und Arbeitgeber, welche eine Verkürzung der Arbeitswoche nicht unterstützen oder gar blockieren.

Dabei wird das Thema Arbeitszeit immer wichtiger. 66 Prozent der Teilnehmer empfindet die Thematik als wichtig. Besonders hoch ist der Anteil von Frauen, welche das Thema als sehr relevant einstufen. Der Hauptgrund dafür ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Das sich manch Deutscher weniger, oder gar mehr, Arbeitszeit wünscht, hat ganz praktische Gründe. Auch wenn diese einem nicht sofort bewusst werden. Ein hohes Arbeitspensum, ein schwieriges Zeitmanagement und die großen Einschnitte im Privatleben, veranlassen Arbeitnehmer dazu mehr oder eben auch weniger Arbeitszeit für sich zu beantragen. Die Folgen von zu langen Arbeitszeiten werden vor allem im Alter spürbar. Eine geringere Zufriedenheit im Beruf und körperliche Probleme schaden Arbeitnehmer wie Arbeitgeber gleichermaßen.

Das Gegenteil zur 72-Stunden-Woche

Das Reisebüro Runa Reisen in Bielefeld wagt den Schritt ins Ungewisse. Mit einer 25-Stunden-Woche, bzw. einem fünf Stunden Arbeitstag, möchte das Reisebüro genauso produktiv und serviceorientiert arbeiten, wie während einer 40-Stunden-Woche. Mit diesem Vorhaben ist das Bielefelder Reisebüro nicht alleine. Die Hauptvorrausetzungen um eine Verkürzung der Arbeitszeit zu erreichen, liegt in der Automatisierung und Digitalisierung.

Die Digitalisierung unseres Arbeitsumfeldes hat viele Prozessketten automatisiert und vereinfacht. Diese zusätzliche Unterstützung sollte den Mitarbeitern eigentlich auch zeitlich zu Gute kommen. Trotzdem arbeitet der deutsche Arbeitnehmer wöchentlich nicht weniger. Woran könnte das liegen, wenn nicht an der Technik?

Die Störfaktoren

Es gehört zum Büroalltag für viele Arbeitnehmer einfach dazu: das kollegiale Miteinander. Ob die gemeinsame Kaffeepause oder der Flurfunk zwischen Tür und Angel. Im Büro oder im Betrieb geht es nicht nur um die Arbeit, sondern auch um den Menschen. Ein paar Fragen zum Privatleben bleiben eben nicht aus. Das dieses Miteinander sehr viel Arbeitszeit kostet dürfte den meisten nicht sofort bewusst werden. Da diese Umgangsform in vielen Betrieben normalisiert ist.

Die Gespräche untereinander entstehen natürlich und sind so fachspezifisch wie privat. Und genau dort liegt das Problem. Das Geldinstitut Vouchercloud aus Großbritannien fand in einer Studie heraus, dass umgerechnet 40 Minuten unserer täglichen Arbeitszeit im Gespräch mit Kollegen/Innen verloren gehen. Überraschenderweise ist der Austausch mit Kollegen „nur“ auf Platz drei. Auf Platz 2 mit umgerechnet 44 Minuten pro Arbeitstag, ist das Scrollen durch Social Media. Mit 65 Minuten landet auf Platz 1 das Lesen von Nachrichten und News-Beiträgen. Die rauchenden Kollegen verbringen durchschnittlich nur 23 Minuten mit dem Rauchen einer Zigarette und verschwenden so weniger Arbeitszeit als manch nicht-rauchender Kollege vermutet hätte.

Zusammenfassend bekräftigt die Studie den Sinn und die Gründe für eine Arbeitszeitverkürzung. Der Mensch sei pro Tag nur 2 Stunden und 23 Minuten voll leistungsfähig. Auch unsere kognitiven Ressourcen sind begrenzt und nicht auf einen achten Stunden Arbeitstag ausgelegt.

Ein Umfeld ohne Störfaktoren macht eine Arbeitszeitverkürzung erst möglich

Dennoch ist eine Arbeitszeitverkürzung trotz gleicher Aufgabenstellungen nur dann zu schaffen, wenn das Arbeitsumfeld sich anpasst. Das volle Potenzial unserer kognitiven Fähigkeiten entfaltet sich nur dann, wenn das Umfeld absolut störungsfrei ist. Kein Small Talk am Kaffeeautomaten, kein Mobiltelefon auf dem Schreibtisch und keine Social Media Zugang. Es muss klare Regeln geben.
Runa Reisen hat diese Regeln klar definiert. Eine ausgelagerte Telefonzentrale fing alle Anrufe ab und filterte so die Relevanz des Anrufs. Social Media Seiten wurden blockiert und das Handy hatte ein Büroverbot. So unangenehm, wie diese Einschränkungen klingen mögen, dass Experiment funktionierte. Die Mitarbeiter von Runa Reisen konnten nach kurzer Umstellungsphase alle Aufgaben einer 25 Stunden Woche erledigen, bei gleichem Gehalt. Die erfolgreiche Umstellung reduzierte den internen Konkurrenzkampf, förderte die Gleichberechtigung von Mann und Frauen ebenso wie die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben. So stellte sich raus, dass der Zeitverlust zu einem größeren Gewinn führen kann. Ein Beweis dafür, dass es immer wieder nützlich ist Altes neu zu definieren.

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