Das Ende der klassischen Erwerbsarbeit

27 November 2017 - - Das Lesen dieses Beitrages dauert 5 Minuten
Arbeitsmarkt

Das Ende der klassischen Erwerbsarbeit

Es war einmal ein Arbeitsplatz, der über viele Jahre oder ein ganzes Berufsleben hinweg Woche um Woche jeden Montag gegen 8 Uhr die Türe für seinen Inhaber öffnete, ihn dort bis in den späten Nachmittag gewähren ließ, um gegen 17 Uhr das Ende des Schaffens einzuläuten – und dieses Procedere Tag für Tag wiederholte, bis eben Freitag war. An Wochenenden und Feiertagen blieb der Schreibtisch unbesetzt, ebenso während der Urlaube der erschöpften Arbeitnehmer.

Klassische Arbeit

Die hier beschriebene Form bezeichnen wir als klassisches abhängiges Arbeitsverhältnis, laut Arbeitsvertrag etwa 40 Wochenstunden, abzuleisten zu den „üblichen“ Arbeitszeiten an einem vorgegebenen Arbeitsort und während des Erholungsurlaubes natürlich nicht. In vielen Branchen wurde über etliche Jahrzehnte hinweg im Kern ziemlich genau in dieser Weise gearbeitet, obwohl auch andere Arten der Beschäftigung schon lange ergänzend eine Rolle im Wirtschaftsleben spielen. So gibt es in bestimmten Bereichen traditionell Menschen, die an Wochenenden, während der Nacht und an Feiertagen arbeiten müssen, weil eben nicht nur von „nine to five“ Menschen ärztliche oder pflegerische Hilfe brauchen, öffentliche Transportmittel nutzen möchten oder die Unterstützung der Polizei benötigen. Ebenfalls Tradition hat die Beschäftigung auf Teilzeit, etwa für junge Mütter oder Väter mit erheblichen familiären Aufgaben. Hinzu kommen viele geringfügig Beschäftigte, die aus allerlei Motivationen heraus nur stundenweise Erwerbsarbeit leisten, oft neben einer Hauptbeschäftigung. Und die „Kurzfristigen“, die für wenige Wochen beruflich erheblich Gas geben und anschließend den Rest des Jahres nicht mehr im Arbeitsleben stehen. Dazu die befristet beschäftigten Menschen – und die große Gruppe der Leiharbeitnehmer, stets im Einsatz für immer neue Unternehmen.

All diese atypischen Beschäftigungsverhältnisse sind seit langem Teil des Wirtschaftslebens, doch das Herzstück der Arbeit bildete immer der unbefristet in Vollzeit zu festen Zeiten an festen Orten beschäftigte Arbeitnehmer. Es war einmal.

Digitalisierung Im Zeichen der Veränderung

Bereits heute zeichnet sich das Bild der Beschäftigung von morgen ab. Eines ist klar zu erkennen – das Arbeitsverhältnis klassischer Art ist eine sterbende Idee. Natürlich haben wir es auf dem Weg in die Arbeit der Zukunft mit einer Bewegung unterschiedlicher Geschwindigkeiten zu tun, denn Art und Ausgestaltung der Arbeit hängt von vielen Faktoren ab: Wie digital ist das Unternehmen, in dem man arbeitet? Ist es international vernetzt und wo? Welche Produkte oder Dienstleistungen bietet es an? All diese Fragen haben selbstverständlich Einfluss auf den Arbeitsplatz. Allein, am Ende wird es den Beschäftigten gewohnter Machart nach den heute berühmten Regeln so gut wie nicht mehr geben. An seine Stelle werden flexible Arbeitsverhältnisse unterschiedlichster Ausprägung treten. Der Arbeitsplatz wird wachsend dezentralisiert, die Zeiten der Beschäftigung werden extrem flexibilisiert, „die Firma“ wird immer mehr zum virtuellen Ort. Der Begriff der Unternehmenstreue wird eine neue Definition erfahren, Befristung dürfte die Regel sein. Nationale Grenzen mit ihren Regelungen zu Arbeit und Arbeitsschutz werden überflutet von global handelnden Konzernen, die sich an keine Gesetze mehr gebunden fühlen und stattdessen auf ständig gelebte Wahlfreiheit setzen – auf Seiten der Betriebe und der Beschäftigten.

Nichts bleibt, wie es war

Doch warum sieht die Zukunft der Arbeit genauso aus. Warum bleibt nicht alles, wie es war?
Die Antwort ist so schlicht wie zutreffend: der technische Fortschritt hat uns diesen Weg geebnet und kein Mensch wird ihn wieder zurückdrehen können. Was mit modernen Transportmitteln zur raschen Beförderung von Menschen durch die weite Welt begann, mündet nun in eine Art Globalisierung 4.0, in welcher bald niemand mehr reisen muss, um überall zu sein. Der Begriff „Digitalisierung“ ist inzwischen schon derart umfänglich und auch beliebig im Gespräch, dass er in vielerlei Ohren schon abgedroschen klingt. Gerne wird er zum Lukas gemacht, auf den alle einmal kräftig hauen dürfen, wenn sie einen Schuldigen für die Misere der Welt benötigen. Doch kann man es nennen, wie man will – eben diese Digitalisierung, eben dieser rasante technologische Fortschritt macht nicht nur unser Privatleben vordergründig angenehmer, sondern verändert auch grundsätzlich die Weise, in der wir arbeiten. Wir suchen uns Freundschaften und Partner in Chatrooms, nehmen an Partys und Konzerten von zuhause aus teil, pflegen Freundschaften per Skype und steuern den Kühlschrank im schwäbischen Heimatort vom Hotelpool unseres Urlaubsortes aus. So viel Fantasie braucht es also nicht, um sich vorzustellen, dass die Verzückungen der Moderne sich auch auf die Welt der Arbeit auswirken.

Ich behaupte: Der Projekt- oder Leiharbeitnehmer, die Freelancerin oder der befristet Beschäftigte werden das Gros der arbeitenden Menschen von Morgen stellen. Der Begriff der Arbeitsplatzsicherheit wird eine neue Wertigkeit erfahren, denn wo viel gewechselt und verändert wird, bieten sich auch permanente Möglichkeiten, neu in Beschäftigung zu kommen. Schon heute zeigt sich in europaweiten Befragungen eine hohe Bereitschaft insbesondere bei jüngeren Menschen, sich auf neuartige Arbeitszeitmodelle einzulassen, wenn sie im Gegenzug neben Geld und neuen Qualifikationen auch Flexibilität und Freiheit durch diese Beschäftigungsformen erhalten. Gerade die Werte Freiheit und Flexibilität gewinnen rasant an Bedeutung bei den Menschen, denn richtig organisiert kann eine solche Arbeit einen enormen Gewinn an Lebensqualität und die optimale Verbindung von Arbeit und Privatleben bedeuten – selbst wenn der Job nicht von langer Dauer sein sollte. Es findet sich in einer flexiblen Arbeitswelt immer etwas Neues, diese Grundüberzeugung gewinnt zunehmend Freunde.

Wer in einer digitalen Welt von überall aus zu nahezu jeder Zeit arbeiten kann, hat also große Gestaltungsmöglichkeiten –und damit auch erhebliche Verantwortung für sich und sein Leben, die ihm sein Arbeitgeber in vielen Fällen nicht mehr so abnehmen wird wie dies heute noch der Fall ist. Wie lange arbeite ich heute, wie lange morgen? Werde ich auch am Wochenende etwas tun oder im Urlaub manche Dinge koordinieren? Freiheit kann auch zur Falle werden – wenn man nicht vernünftig damit umgeht.

Die dunkle Seite der digitalen Wende

Zudem - dieser vielbeschworene Drang zu Freiheit und Abenteuer nutzt auch der anderen Seite, jener der Arbeitgeber. Mit Verve und großer Fantasie wird an immer neuen und biegsameren Modellen zur Beschäftigung gearbeitet, um sich am Ende eine Belegschaft herangezogen zu haben, die auf jede Schwankung im Betrieb in notwendiger Weise zu reagieren weiß und fallweise sehr wenig oder gar nicht arbeitet, um wenig später bei bester Auftragslage bis an die Leistungsgrenze zu gehen. Vielerorts setzt sich der Servicegedanke 24/7 durch, der Kunde möchte schließlich rund um den Erdball Tag und Nacht seine Konsumwünsche befriedigen können. Der Trend geht also in Richtung der Verfügbarkeit 24/7, global, digital – und brutal. Was kümmern vor dem Hintergrund dieser Anforderungen schnöde nationale Arbeitszeitgesetze, welche regionalen arbeitsrechtlichen Regelungen sind noch tatsächlich anwendbar, wenn doch überall auf dem Planeten jederzeit Menschen bereit und qualifiziert sind, um bestimmte Arbeiten zu erledigen?

Genau an dieser Stelle sind wir spätestens auf der dunklen Seite der schönen neuen Arbeitswelt angekommen. Viele Jobs werden grundsätzlich weltweiter Konkurrenz ausgesetzt und am Ende könnte jener den Zuschlag bekommen, der am wenigsten Geld für seine Arbeit verlangt. Aushebelung elementarer Arbeitnehmerrechte, Lohndrückerei bis hin zur Ausbeutung, Menschen ohne Chance auf Beschäftigung in ihrem Metier – die Liste der Gefahren ist lang und die Herausforderungen gerade für die Politik sind groß.

HR ist wichtig wie nie zuvor

Letztlich kann man es wenden, wie man möchte – die Entwicklung wird sich nicht aufhalten lassen. Die digitale Zukunft wird unsere Welt sehr viel kleiner und attraktiver, aber unter Umständen auch ungerechter und unsicherer machen. Auf der Schwelle zur Arbeitswelt von morgen kommt gerade dem Personalmanagement eine besondere Bedeutung zu. HR muss dafür kämpfen, dass Menschen auch morgen noch in guter Arbeit sind. Es ist die elementare Aufgabe der „Personaler“, sich im Sinne aller Beschäftigten für eine lebenswerte Arbeitswelt einzusetzen – heute, morgen und auch übermorgen.


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