Freelancer mittendrin

26 März 2019 - Das Lesen dieses Beitrages dauert 8 Minuten

Studien

Jedes dritte deutsche Unternehmen benötigt zur Erfüllung von betrieblichen Kernaufgaben und wichtigen Projekten Freiberufler – Tendenz steigend. Das Personalmanagement spielt hingegen bei Rekrutierung und Betreuung dieser Freiberufler meist keine oder nur eine geringe Rolle. Diese und weitere wichtige Erkenntnisse liefert eine internationale Umfrage des Payroll- und HR-Dienstleisters SD Worx und der Antwerp Management School.

Freiberufler im Kern der deutschen Unternehmen

In allen befragten europäischen Ländern wissen die Firmen um die Notwendigkeit der Agilität im Arbeitsbetrieb, doch trauen sie ihren Stammbelegschaften diesbezüglich eher wenig zu. So glauben nur 36 % der Teilnehmer, dass die Mehrheit ihrer Mitarbeiter über eigene Fachkenntnisse verfügt, mit denen sie auch andere als die aktuell ausgeführten Aufgaben übernehmen könnten. Außerdem werden in Firmen aller Größenordnungen Freiberufler mit peripheren, erstaunlich oft jedoch mit Kernaufgaben und eigenen Projekten betraut.

Mit Blick auf die Betriebsgröße werden beträchtliche Unterschiede deutlich. So stellen europaweit größere Betriebe Freiberufler stärker auch für Kernaufgaben und tragende Projekte ein als kleinere, 41.5 % der größeren Unternehmen mit 500-999 Mitarbeitern tun dies gegenüber lediglich 21,6 % der Betriebe bis 20 Mitarbeitern. Beachtenswert ist in diesem Zusammenhang vor allen Dingen das Resultat für Deutschland, denn hierzulande werden in beinahe jedem dritten Betrieb (31,4%) Freiberufler für Kernaufgaben eingesetzt - der höchste Wert unter allen befragten Ländern. Auf der anderen Seite braucht nur knapp jeder vierte deutsche Betrieb (23,9%) seine freiberuflich tätigen Mitarbeiter für weniger wichtige Tätigkeiten und Projekte. In Deutschland sind die Freiberufler also mittendrin – im übrigen Europa hingegen eher draußen, denn dort werden Menschen mit freiberuflicher Tätigkeit im Schnitt bei 43,4% der Kunden nur für periphere Aufgaben eingesetzt. 

Deutsche Vorstände degradieren HR

Wer entscheidet im Betrieb über den Einsatz von Freiberuflern? Die Antworten auf diese Frage liefern vor allen Dingen in Deutschland verheerende Werte für das Personalmanagement. Geht es um die Rekrutierung von freien Mitarbeitern, so hat HR in unserem Land europaweit die schlechtesten Karten: nur in 5,7 % der deutschen Firmen entscheidet HR über deren Einsatz, bei satten 61 % hat der Vorstand die Entscheidungshoheit. Im restlichen Europa sieht das vollkommen anders aus, denn dort haben im Durchschnitt nur 34,1% der Vorstände diesbezüglich das Sagen. Beinahe noch gravierender ist die mangelnde Transparenz mit Blick auf die temporäre Beschäftigung von Freiberuflern in Deutschland, denn nur in jedem dritten Unternehmen wird HR überhaupt über den Stand der Dinge informiert. Die meisten Personalabteilungen in unserem Land wissen folglich nicht einmal, welche Freelancer zu welcher Zeit in welchen Abteilungen zu welchen Bedingungen mitarbeiten. Es stellt sich die berechtigte Frage, wie HR ohne diese Informationen eine vernünftige Personalplanung und Personaleinsatzplanung sowie ein tragfähiges Talent Management bewerkstelligen bzw. unterstützen kann.

Flexibilität ist Trumpf

Freiberufler werden in allen befragten Ländern für kurzfristige Einsätze beauftragt. In Frankreich ist dies bei nahezu der Hälfte aller Unternehmen der Fall – und auch in Deutschland immerhin noch bei knapp 43 %. Die Faustformel lautet an dieser Stelle: Je größer der Betrieb, desto kurzfristiger der Einsatz. 55,7 % der europäischen Unternehmen über 1000 Mitarbeiter beschäftigten Freiberufler für kurzfristige Projekte, bei Kleinbetrieben bis 49 Mitarbeiter sind dies nur 32%. Den langfristigen Einsatz von Freelancern praktizieren europaweit nur 29,3 % der Unternehmen - Deutschland steht diesbezüglich mit 34,6 % ganz vorne. Freiberufliche Tätigkeit auf lange Sicht ist neben den festen Mitarbeitern in unserem Land offenbar eine strategische Säule in vielen Betrieben und das Know-how von Menschen, die freiberuflich tätig sind, wird gerade bei neuen Projekten sehr geschätzt. Einen Auftrag an einen Selbständigen zu vergeben hat offensichtliche Vorteile.

Freelancer arbeiten oft im IT-Bereich

Auf europäischer Ebene werden Freiberufler mit 36 % am ehesten in IT-Abteilungen beschäftigt. Im Klartext bedeutet dies, dass mehr als jeder dritte freiberuflich Tätige in den Firmen ein IT-Freelancer ist. Freiberufler, die in einem IT-Beruf arbeiten, sind demnach sehr begehrt. Den höchsten Wert hat hier mit 41 % das Vereinigte Königreich, gefolgt von Deutschland (37 %). Gerne eingesetzt wird auch in Produktion (33 %), Vertrieb (28 %) und Marketing (27 %). Schlusslicht aller Abteilungen ist bezeichnenderweise HR – im Personalbereich arbeiten gerade einmal 15 % der Freelancer. Ausgerechnet im Personalmanagement scheint man die passenden Freiberufler nicht zu finden.

Was ist ein Freiberufler?

Wer ist freiberuflich? Wer übt eine "freie" Tätigkeit aus? Landläufig werden selbständig Tätige als Freiberufler bezeichnet, auch der Begriff Freelancer ist gängig. Steuerrechtlich gibt es jedoch eine wichtige Abgrenzung zwischen den freien Berufen bzw. freiberuflicher Tätigkeit und Gewerbetreibenden. Menschen, die im Sinne des Einkommensteuergesetzes eine freiberufliche Tätigkeit ausüben, müssen gesetzlich weder Gewerbesteuer zahlen, noch eine Bilanz erstellen oder sich mit doppelter Buchführung herumschlagen – ganz im Gegensatz zu den Gewerbetreibenden. Gewerbetreibende sind deshalb für das Finanzamt und den Steuerberater eine deutlich interessantere Klientel als Freiberufler.

Als Freiberufler werden selbstständig Berufstätige eingestuft, wenn sie zum Beispiel einer künstlerischen Tätigkeit nachgehen oder eine schriftstellerische Arbeit ausüben – und auch Menschen in wissenschaftlichen und erzieherischen Jobs oder einer unterrichtenden Tätigkeit werden dazu gezählt. Berufe wie Diplom-Psychologen oder Ärzte sind demzufolge freie Berufe, aber auch eine Tätigkeit etwa als Rechtsanwalt. Das Einkommensteuergesetz enthält in § 18 einen Katalog sämtlicher freier Berufe. Wer selbstständig arbeitet und keinem dieser freien Berufe zugehörig ist, wird folglich als Gewerbetreibender eingestuft und muss Gewerbesteuer zahlen.

Es gibt eine Reihe an Zweifelsfällen, beispielsweise bei Selbstständigen, die gemischte Tätigkeiten mit sowohl gewerblicher als auch freiberuflicher Zuordnung ausüben oder in Berufen tätig sind, die nicht ohne weiteres eindeutig zuzuordnen sind - den katalogähnlichen Berufen. Der Steuerberater und das Finanzamt sind in solchen Situationen gute fachliche Ansprechpartner.

Die in diesem Beitrag untersuchten Fragen zum Thema freiberufliche Tätigkeit betreffen aus Sicht des Finanzamtes und des Steuerberaters sowohl die freien Berufe als auch eine gewerbliche Tätigkeit.

Scheinselbstständigkeit

An dieser Stelle sei kurz auf die Abgrenzung der freiberuflichen Berufstätigkeit von der Scheinselbstständigkeit hingewiesen. Freie Mitarbeit bzw. eine selbstständige Tätigkeit werden von verschiedenen zuständigen Stellen überprüft, unter anderem von der Deutschen Rentenversicherung Bund, gesetzlichen Krankenversicherungen, Wirtschaftsprüfern und dem Finanzamt – und eine Einstufung als scheinselbständig kann sehr teure Konsequenzen für den „Freiberufler“ und auch seinen „Kunden“ haben. Wird die Tätigkeit eines Selbstständigen als scheinselbständig beurteilt, folgen in der Regel Nachzahlungen an Sozialversicherungsbeiträgen und weitere Konsequenzen für beide Seiten. Aus dem Verhältnis zwischen dem Kunden, der einen Auftrag vergibt und dem dienstleistenden Freiberufler wird plötzlich ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis.

Wichtige Hinweise auf eine mögliche Scheinselbständigkeit sind beispielsweise die Weisungsgebundenheit eines freien Mitarbeiters oder seine feste Eingliederung in die betriebliche Organisation inklusive einer persönlichen E-Mail-Adresse des Betriebes, weiterhin eine dauerhafte Arbeit für nur einen Kunden.

Fazit

Unsere Arbeitswelt verändert sich in rasantem Tempo, auf einem zunehmend digitalen und globalen Markt sind Agilität und Flexibilität wichtige Voraussetzungen für den Unternehmenserfolg. Der kurzfristige Einsatz von eigenverantwortlichen Freiberuflern für Projekte und andere Aufträge bietet hier enorme Vorteile für den Betrieb, wird allerdings oftmals intransparent und vor allen Dingen in Deutschland an Human Resources vorbei gestaltet. Das darf nicht so bleiben, wenn das Personalmanagement seinen Aufgaben gewinnbringend gerecht werden will.

Freiberuflich tätig sein ist "in", nicht nur bei Start-Ups oder direkt nach dem Studium. Freelancer Jobs sind begehrt, selbständige Arbeit ist eine Verlockung der Moderne, insbesondere in den Bereichen IT und Produktion. Doch ist die unabhängige Erbringung von Dienstleistungen bei genauerer Betrachtung nicht immer eine selbständige Tätigkeit, Stichwort Scheinselbständigkeit. Freiberufliche Arbeit birgt neben den Chancen auch Risiken.

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